Vortrag: Kinder und Jugendliche im Zwischenraum

 

Wir bedanken uns bei Dr. Elizabeth Baum-Breuer für ihren inspirierenden Vortrag!

 

Anbei ein Auszug aus ihrem Vortrag, in welchem Elizabeth Baum-Breuer aufgrund ihrer Erfahrungen aus der Praktikumszeit bei Anna Freud beschreibt, dass sich die Tochter von Sigmund Freud im Kindernetzwerk Industrieviertel sehr wohlgefühlt hätte. Dankeschön!

 

"Auch eine andere berühmte Frau, eine Österreicherin, eine Pionierin im Bereich der Kinder und Jugendpsychoanalyse, Leiterin der berühmten Hampstead Child Therapy Clinic in London - Anna Freud - würde sich hier in dieser Atmosphäre, die Rainer Fliedl und sein Team über die Jahre aufgebaut hat, wohlfühlen. Mit der bereits zu Beginn angekündigten Anekdote über meine langjährige Erfahrung mit dem Einschlafen bei Vorträgen – es ist lange her und spielte sich in der Hampstead Clinic ab – komme ich zum Schluss meiner Keynote Address.

Als junge Studentin hatte ich das enorme Glück bei Anna Freud zu praktizieren. Sie war damals schon an die 83Jahre alt. Sie führte die Clinic mit unglaublichem Einsatz und unglaublicher Klarheit. Sie verbrachte viel Zeit mit den Kindern neben ihrer wissenschaftlichen Arbeit. So sah ich sie auch das erste Mal im Kindergarten, am kleinen Stuhl sitzend, umgeben von kleinen Wesen beim Schneiden der Äpfel für die 10:00 Uhr-Jause. Ganz besonders habe ich ihre Sprache in Erinnerung, denn sie konnte die kompliziertesten Sachen in einer so einfachen Sprache erklären, dass jeder und jede alles verstehen konnte. Ein Höhepunkt jede Woche war die Case Study Conference am Mittwochnachmittag. Diese inter-disziplinäre Versammlung umfasste circa 40 Personen (PsychoanalytikerInnen, PsychologInnen, Ärzte, Therapeutinnen, Kindergärtnerinnen, Lehrerinnen, SozialarbeiterInnen, StudentInnen, usw.). Das Durchschnittsalter war schon etwas höher als hier bei der Tagung, denn etliche der PsychoanalytikerInnen waren im Alter von Miss Freud.

Es war Frühling in London und wer Frühling dort kennt, weiß, dass beim Wetter alles möglich ist: Regen, Schnee aber auch Sonnenschein und alles innerhalb von einer Stunde. Die Case Study Conference fand in der Bibliothek statt, große Fenster gingen nach Süden in den Garten. Wir waren alle irgendwie müde vom Mittagessen geworden. Ich erinnere mich, dass es sich mittwochs oft warm und wohlig anfühlte.

Um 14:00 Uhr begann die Conference und es dauerte nicht lange, dann hörte man vereinzelt nicht mehr nur die Stimme der jeweiligen Präsentation, sondern auch Nebengeräusche – Schnarchen in allen Tonarten von Bass, Bariton, Alt oder Sopran. Diese nahmen an Lautstärke zu und um 14:30 Uhr hatten sie schon meist Crescendo-Status erreicht. Dies hielt mit abwechselnden TeilnehmerInnen gut 1 bis 1,5 Stunden an. Niemand wurde je bloßgestellt, gelegentlich musste einfach wer, der oder die gerade einen Fall präsentiert hat, etwas lauter sprechen.

Es gab aber eine rote Linie: man musste wach sein um zu präsentieren. War dies nicht der Fall, dann wurde der jeweilige Fall vertagt. Die gesamte Atmosphäre war angeregt, neugierig, verständnisvoll, ernsthaft – und humorvoll. Irgendwie eine Atmosphäre wie hier bei den Netzwerktagungen, die offensichtlich bei mir diese etwas nostalgische Anekdote hervorgerufen hat. Sie bringt mich bei einem hoffentlich noch wachen Publikum zu meinem Schlusssatz und zu meiner Hauptaussage:

Alle heute anwesenden Personen sind aktiv am Erhalt und dem weiteren Ausbau des Kindernetzwerkes für den Schutz und für die Förderung des Wohlergehens für Kinder, Jugendliche und Familien engagiert."

Es ist dies ein wichtiger - aber keineswegs selbstverständlicher - Beitrag für die Stabilität der Gesellschaft in Österreich.